Sonntag, 15 Rabi' al-awwal 1442 | 01/11/2020
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بسم الله الرحمن الرحيم

Im Namen Allahs des Erbarmungsvollen des Barmherzigen

Die Politik Erdogans in der Waagschale des Islam

(Teil 1)

Hamed Abdulaziz – Ägypten

Die politische Realität muss bewusst und abseits von Emotionen gelesen werden. Das Urteil über diese Realität muss auf stabilen Grundfesten beruhen. Das heißt, die Realität muss gelesen werden, wie sie ist und nicht, wie man sie gern hätte. Des Weiteren muss die Beurteilung der Realität auf Basis der islamischen Aqida erfolgen und nicht auf einem instabilen Boden, ähnlich einem schwimmenden Kutter, der sich von Wind und Wellen hin- und hertreiben lässt. Auch die Beurteilung über Personen und Ideen muss auf einer festen Grundlage stehen, welche auf der islamischen Aqida beruht. Andernfalls würden wir unser Bewusstsein verlieren und untergehen, während wir nur „la ilaha illa allah“ rufen und Verheißungen hinterherlaufen. Die Umma darf nicht zulassen, dass jemand sie in die Irre und in einen Zustand führt, wo ihre Energien, ihr Potential, ihre Zeit und ihre Hoffnungen sinnlos verschwendet werden und sie anschließend im Stich gelassen und verzweifelt zurückbleibt. Das ist umso schlimmer, als dass sie das Buch ihres Herrn, das Er als Rechtleitung und Licht herabgesandt hat, in Händen hat. Sie kann nicht in die Irre gehen, wenn sie ihre Maßstäbe und Gesetze aus diesem Buch schöpft und ihre Ideen auf dessen Grundlage aufbaut. In der Vergangenheit scharte sich die Umma schon oft genug um falsche, konstruierte Führungsfiguren. Sie besang und bejubelte sie für ihre vorgespielten Haltungen und vollmundigen Reden, obwohl diese Führer der Umma keine Niederlage ersparten, die eine nach der anderen über sie prasselte. Sie führten sie vielmehr in Abgründe und trieben ein Spiel mit deren Schicksals-Angelegenheiten zugunsten der Feinde der Umma. Es begann mit Mustafa Kemal und ging mit Abdul-Nasir und Yasser Arafat weiter, bis hin zum türkischen Präsidenten Erdogan, der nicht letzte seiner Art ist.

Wer ist Rejep Tayyip Erdogan:

Erdogan wurde am 26. Februar 1954 im Istanbuler Viertel Kasimpasha geboren. Seine Familie stammt aus der Provinz Rize im Nordosten der Türkei. Er besuchte eine Imam-Hatip-Schule. Erdogan war ein Weggefährte Necmettin Erbakans und hatte zahlreiche Posten inne, bevor er 1994 zum Oberbürgermeister von Istanbul gewählt wurde. Er musste für vier Monate ins Gefängnis und ihm wurde die Ausübung öffentlicher Ämter verboten, nachdem er aus einem Gedicht des bekannten türkischen Dichters Ziya Gökalps rezitierte, wo es heißt: Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonetten, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten. Nach vier Monaten wurde er dank einer Generalamnestie aus dem Gefängnis entlassen.

Nach seinem Austritt aus der Tugendpartei gründete Erdogan zusammen mit seinem Freund Abdullah Gül die Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP). Nachdem er das Amt des Ministerpräsidenten antrat, ließ er den damaligen politischen Kurs Erbakans hinter sich, der dadurch hervorstach, dass er nach Osten gerichtet war. Erdogan hingegen hat sich Europa und dem Westen zugewandt. 1994 hieß es noch von Erdogan: „Die Doktrin des Laizismus, auf der die türkische Ordnung beruht, muss abgeschafft werden, da es keine Koexistenz zwischen Islam und Laizismus geben kann.“ Er war der Ansicht, würde die Türkei die islamische Ordnung als Grundlage haben, das alle Bürger in ihrer Eigenschaft als Muslime betrachtet, würde sie nicht mit dem kurdischen Problem im Südosten des Landes konfrontiert sein. Er kritisierte die Verfassung und sagte, sie sei mit der Hand von Alkoholikern geschrieben worden. Doch dann machte Erdogan eine Kehrtwende und erklärte, dass seiner Ansicht nach, der Laizismus ein Garant für die Demokratie sei. Er forderte vehement, man solle den Laizismus nicht verzerren, indem er falsch interpretiert und dargestellt werde, so als würden sich Laizismus und Religion widersprechen. Des Weiteren sprach der Mann seiner Partei die islamische Attribuierung ab und betonte: „Einige bezeichnen uns als islamische Partei, andere beschreiben sie als gemäßigt-islamisch. Doch wir sind weder das eine noch das andere. Wir sind eine demokratisch-konservative und keine religiös ausgerichtete Partei. Das muss jeder wissen.“ Gegenüber der libanesischen Zeitung al-Safir sagte er am 12.12.2009: „Die Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung ist keine islamische Partei.“ Er lehnte die Beschreibung der Außenpolitik seiner Regierung als neo-osmanisch ab. Seine Solidarität mit Gaza als islamisch motiviert zu betrachten, wies er ebenfalls zurück. Liest man sich die Einleitung zum politischen Programm seiner Partei durch, wird einem die Realität seiner Partei klar. Denn dort heißt es: „Unsere Partei bildet den Boden für die Einheit und Vervollkommnung der türkischen Republik, da Laizismus, Demokratie, Rechtsstaat sowie die Entstehung von Kultur, Demokratie, Meinungsfreiheit und Chancengleichheit als essentiell gelten.“

Doch trotz aller Deutlichkeit seiner Worte, lassen sich Menschen finden, die ihn verteidigen, seine Partei als islamisch charaketerisieren und seinen Staat als nachahmenswertes Modell für die Muslime hinstellen. Doch er selbst widerspricht dem und sagte einmal ungeniert: „Die Zivilisation der Muslime kann mit der Zivilisation des Westens nicht konkurrieren.“ Als Erbakan vor seinem Tod in einem Gespräch mit der Zeitung al-Sharq al-Awsat nach den Motiven gefragt wurde, die Erdogan dazu veranlassten, sich von der Tugendpartei loszusagen, antwortete er: „Erdogan hat nicht eigeninitiativ eine Partei gegründet, sondern ihm wurden Befehle erteilt, eine Partei zu gründen. Warum er zur Spielfigur in diesem Plan wurde? Weil er eine Schwäche für Positionen, Geld, Präsidentenamt und Posten hatte.“ Weiter sagte er: „Wir sind nicht zufrieden mit dem, was seine Loyalität betrifft und damit, dass er in einigen Programmen Partner der Zionisten ist.“ Ein prominentes Mitglied aus der Führungsriege der islamischen Saadet-Partisi (Partei der Glücksseligkeit) erklärte einmal: „Die Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung ist die Partei der Geschäftsleute und der Betuchten. Sie sind die größten Nutznießer seiner Politik. Sie ist eine sowohl pro-amerikanische als auch pro-europäische Partei, liberal in ihrer Wirtschaftspolitik.“ Der höchste Berater Abullah Güls sprach der Türkei die Möglichkeit ab, sich in einen islamischen Staat zu verwandeln und meinte: „Die Türkei ist auf Pfeilern aufgebaut, die deren Veränderung oder Modifizierung unmöglich machen, allen voran der Laizismus und die Demokratie des Staates.“

Diejenigen, die Erdogan verteidigen, wollen ihm gegen seinen Willen ein islamisches Gewand anlegen, obgleich er mit sich und seinen Ideen völlig im Reinen ist. Er fährt einen ganz klaren säkularen Kurs. Er trennt komplett Religion von Staat. Die religiöse Facette, die er sichtbar nach außen trägt, ist zeremonieller Art. Es gibt keinerlei Beweise oder Fälle, die ein Streben und ein Ansinnen seinerseits zur Implementierung islamischer Gesetze in politischen, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Belangen belegen würden. Der Mann hat zu mehr als einem Anlass bekundet, ein Muslim zu sein, der einen laizistische Staat führt. Als er Ägypten nach der Revolution des 25. Januar besuchte, gab er den Ägyptern den Ratschlag, einen laizistischen Staat zu adaptieren. Warum bestehen dann einige unbedingt darauf, Erdogan in ein Gewand zu kleiden, dass er partout nicht tragen will. Mehr noch, er – Erdogan – forderte dazu, dass man sein laizistisches Kleid anzieht, was er als die wirkungsvolle Lösung ansieht!

Zweifellos haben Erdogans „heldenhafte Standpunkte“ für große Popularität in der arabischen Welt gesorgt, die er auszunutzen weiß. Zu diesen „Heldentaten“ gehören die Reaktion, die er bei dem Gipfel in Davos zeigte, das Freiheitsschiff, das er in Richtung Gazastreifen losschickte, der Abzug seines Botschafters aus dem Zionistenstaat und die vorgespielte Unterstützung des syrischen Volkes gegen das Assad-Regime. Er wurde zu einem Hoffnungsträger für viele Menschen in der islamischen Welt, etwas, was sie üblicherweise in ihren eigenen Herrschern nicht sehen. Doch übersehen wir in der Flut dieser „heldenhaften“ Postionen nicht die Wahrheit, nämlich dass die Türkei ein zentraler Protagon ist bei der Normalisierung der Beziehung mit den Juden - ein Pfad, auf den sich alle Staaten der Region, ohne Ausnahme, begeben haben. Es besteht keinerlei Zweifel daran, dass die Behauptung der Türkei, den palästinensischen Widerstand zu unterstützen, eine Farce ist. Normalisierung der Beziehungen und Unterstützung des Widerstandes stehen im diametralen Widerspruch und haben keine gemeinsamen Schnittpunkte. Daneben dürfen wir auch nicht vergessen, dass Erdogans „rote Linien“ in Syrien dem syrischen Volk nicht das Geringste gebracht haben, sondern vielmehr den Verlauf der Revolution in Syrien gedrosselt und dafür gesorgt haben, dass die Regionen, die noch in Rebellenhand waren, dem Regime ausgehändigt wurden. Und das Rad der Verschwörung dreht sich weiter, um dem Regime auch noch den Rest von Idlib auszuliefern. Durch die besonderen Beziehungen der Türkei zu den USA, durch die Mitgliedschaft in der Nato und das Bestehen wirtschaftlicher, politischer und militärischer Beziehungen zu den Juden, ist die Türkei geradezu prädistieniert, die Rolle des „Ehevermittlers“ zwischen den Arabern und Juden zu spielen.

Die Haltung Erdogans zur Palästinafrage und das Verhältnis zum Zionistenstaat:

Nach Jahren der Spannungen und der Eiszeit infolge der Tötung von zehn türkischen Aktivisten an Bord des Schiffes „Marvi Marmara“, das sich 2010 auf den Weg zum belagerten Gazastreifen befand, durch „israelische“ Kommandostreitkräfte, opferte Erdogan Gaza und die weltweiten Forderungen, die Blockade aufzuheben. Nach mehreren Verhandlungstouren in zahlreichen europäischen Städten unterzeichnete er 2016 ein Normalisierungs-Abkommen mit dem Judenstaat. Dieser umfasste Folgendes: Die Rückkehr der Botschafter und die Wiederaufnahme gegenseitiger Besuche, die Unterlassung feindseliger Handlungen in den internationalen Organisationen und die Rückkehr zur Zusammenarbeit in den Bereichen Sicherheit und Geheimdienst. Die Türkei verzichtete auf die Bedingung einer Aufhebung der Blockade des Gazastreifens im Gegenzug für die Erlaubnis, ein modernes Krankenhaus, eine Entsalzungsanlage und ein Elektrizitätswerk im Gazastreifen zu bauen.

Am 26. Juni 2016 besuchte Mossad-Chef, Yossi Cohen, Ankara, wo er sich mit seinem türkischen Amtskollegen, Hakan Fidan, traf. Sie einigten sich darauf, dass die die Hamas-Bewegung keinerlei militärische Aktivitäten gegen Israel von türkischem Boden aus durchführen dürfe, ob für Planungen oder zur Umsetzung, während sie ihre dortigen Büros für diplomatische Aktivitäten in behalten dürften. Dafür würde „Israel“ auf die Forderung verzichten, die Führung der Hamas der Türkei zu verweisen. Im November 2016 kam es zum Austausch der Botschafter. Das Außenministerium des Zionistenstaates berief den Diplomaten Eitan Naeh zum Botschafter in Ankara und die Türkei entsandte Kemel Ökem als Botschafter nach „Israel“.

Als im November 2016 Brände im Zionistenstaat loderten, die sich auf die Siedlungen im Westjodandland ausweiteten, bot die Türkei die Entsendung eines großen Löschflugzeugs an, um bei der Bekämpfung des Feuers zu helfen. Die Türkei war hierbei eines der ersten Länder, das Unterstützung anbot und stellte drei Löschflugzeuge zur Verfügung. Netanjahu hob damals hervor, dass er das Angebot und die Unterstützung der türkischen Regierung zu schätzen wisse.

Die Realität zeigt, und das kann jeder sehen, dass Erdogan kein Problem mit der Besetzung einer Fläche von rund 80% des Bodens Palästinas hat. Mehr noch, er betrachtet „Israel“ als einen legitimen Staat und erkennt dessen Existenzrecht auf dem Boden des Isra und Miraj an. Er wirbt für die von den Amerikanern propagierte Zweistaatenlösung und drängt die Hamas dazu, „Israel“ öffentlich anzuerkennen. Das einzige Problem, was er sieht, sind die Siedlungen, denn sie stellten ein Hindernis für den „Frieden“ dar.

Die Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem:

Im Dezember 2017 drohte Erdogan mit dem Abbruch der Beziehungen zu „Israel“, sollten die Vereinigten Staaten Jerusalem als Hauptstadt anerkennen. Es blieb eine leere Drohung. Weder hat er die Beziehungen zum Judenstaat abgebrochen, noch hat er gegenüber den Vereinigten Staaten klar Stellung bezogen. Die hätte so aussehen müssen, dass seine Drohung den USA gelten müsste und nicht „Israel“, dem Schatten Amerikas. Erdogan sagte damals, ein solcher Schritt, nämlich Jerusalem als Hauptstadt „Israels“ anzuerkennen, werde von den Muslimen als Übertretung einer „roten Linie“ angesehen. Diese Worte wiederholte er abermals, nachdem die USA den Schritt, die Botschaft nach Jerusalem zu verlegen und sie als ungeteilte Hauptstadt „Israels“ anzuerkennen, tatsächlich vollzogen hatten. Am 08. Mai 2018 sagte Erdogan in einem Fernsehinterview gegenüber dem Sender CNN: „Die Entscheidung der USA, die Botschaft nach Jerusalem zu verlegen ist ein fataler Fehler.“ Und am 14. Mai erklärte er bei einem Besuch in London: „Die Vereinigten Staaten haben mit ihrem jüngsten Schritt beschlossen, Teil des Problems zu sein und nicht Teil der Lösung. Sie haben die Rolle des Vermittlers im Friedensprozess verloren.“ Diese Äußerungen sind jedoch nicht mehr als heiße Luft, die in der Realität keinerlei Wirkung haben. Auch der Sondergipfel der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) in Istanbul, zu dem Erdogan eingeladen hatte, um die „israelischen“ Übergriffe auf die palästinensische Bevölkerung zu verurteilen, nachdem mehr als 60 Palästinenser an der Grenze zum Gazastrefen mit den Waffen der „israelischen“ Armee getötet und 2000 verletzt wurden, war nur Show. Die Vorfälle ereignten sich zeitgleich mit der Einweihung der neuen US-Botschaft in Ost-Jerusalem. Dieser Gipfel hatte nichts bewirkt, außer, dass mit den Worten der Verurteilung den Menschen Sand in die Augen gestreut wurden. Vor Eröffnung des Gipfels verkündete Erdogan in einer Rede vor Tausenden von Demonstranten, die sich im Herzen Istanbuls auf seinen Aufruf hin versammelt hatten, um ihre Solidarität mit den Palästinensern zu bekunden, dass die islamische Welt „bei der Jerusalem-Prüfung“ versagt hätte und es ihr nicht gelungen sei, die Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem zu verhindern. Doch das Versagen ist das Versagen der Herrscher, die als Zaungäste dabei zusehen, was vor ihren Augen passiert. Mehr noch: Sie sind Teilhaber an der Verschwörung gegen Palästina, ungeachtet dessen, ob sie keine Einwände gegen diesen Schritt hatten und schwiegen oder ober sie diesen verurteilten und missbilligten. Erdogan strebt nach der Führung der islamischen Welt, und das durch seine feurigen Reden. Er führte mit „Israel“ einen verbalen Krieg und trat damit in die Fusstapfen seiner Vorgänger aus den Reihen der arabischen Herrscher. Diese hatte aus dem Palästinaproblem ein reines Geschäft gemacht, um die Symapathien der Völker, die die Sache Palästina als eine Schicksalsfrage der Umma betrachten, zu gewinnen.

Der Jahrhundertdeal und die türkische Position dazu:

Am 28.01.2020 gab US-Präsident Trump bei einer Pressekonferenz in Washington und in Anwesenheit des „israelischen“ Premierministers Netanjahu den sogenannten „Deal des Jahrhunderts“ bekannt. Der Plan sieht die Errichtung eines palästinensischen Staates vor, der gleich einem Archipel über Brücken und Tunnel miteinander verbunden sein würde. Darüber hinaus wird darin Jerusalem zur unteilbaren Hauptstadt des Zionistenstaates erklärt. Am Dienstag, den 30.01.2020, während eines Festes anlässlich der Verleihung eines türkischen Medienpreises, kommentierte Erdogan den Jahrhundertdeal mit den Worten: „Jerusalam ist nicht veräußerbar.“ Und er sagte: „Sie bezeichnen es als Jahrhundertdeal. Was für ein Deal soll das sein!? Das ist ein Besatzungsprojekt.“ Er fügte hinzu: „Wir als türkische Nation blicken heute auf Palästina mit dem Blick Sultan Abdulhamid II. darauf.“

Zu erwähnen ist, dass Sultan Abdulhamid II. am 5. März 1883 ein Dekret erließ, das als „Al-Irada al-thaniya“ bekannt wurde, womit für die Juden in Palästina das Eigentumsrecht auf Böden außer Kraft gesetzt wurde. Keine Elle des Bodens Palästinas durfte den Juden mehr verkauft werden. Dieses Gesetz blieb bis zu Abdulhamids Absetzung 1909 gültig. In diesem Zeitraum hat Sultan Abdulhamid II. die Grundstücke der Leute, die sie zum Kauf anbieten wollten, selbst erworben. 1896 lehnte er es ab, dem Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation, Theodor Herzl, Palästina zu verkaufen, indem er erklärte: „Ich bin nicht in der Lage, auch nur eine Elle dieses Landes zu verkaufen. Denn dieser Boden ist nicht mein Privateigentum, sondern Eigentum des osmanischen Staates. Bei Allah, selbst wenn ihr meinen Körper Stück für Stück zerteilen würdet, so würde ich auf keine Elle von Palästina verzichten.“ Und in der Tat gelang es Sultan Abdulhamid II. Palästina, Jerusalem und die Aqsa-Moschee zu beschützen. Er schafft es, den Jahrhundertdeal Theodor Herzls in Stücke zu reißen. Der Traum der Zionisten konnte sich erst nach Zerstörung des islamisch-osmanischen Kalifats erfüllen. Was hat also Erdogan als Erwiderung auf den Jahrhunderdeal zu bieten, außer leeres Gerede über rote Linien, die von Tag zu Tag zunehmen!?

Die Haltung Erdogans zum Syrien-Problem:

Erdogan sagte am 05. September 2012: „Inshallah werden wir bei der nächstmöglichen Gelegenheit nach Damaskus kommen und unsere Geschwister liebevoll in die Arme nehmen. Dieser Tag ist nicht mehr weit. Und inshallah werden wir die Fatiha vor dem Grab Salahuddin al-Ayyubis rezitieren und in der Umayaden-Moschee beten und inbrünstig für unsere Brüder vor dem Grabmal Bilal al-Habashis und Ibn Arabis und an der Sulaimaniyya-Moschee und vor der Station der Higaz-Bahn Bittgebete sprechen.“ Doch all das passierte nicht. Mehr noch: Erdogan vollstreckte den für Syrien vorgesehenen Plan der USA, der, zusammengefasst, daraus besteht, den Sturz des Regimes in Syrien zu verhindern. Dort war die hervorstechendste Unternehmung der Türkei, die türkeitreuen Kämpfer Ende 2016 für den Kampf gegen den IS in die Stadt al-Bab zu beordern, während man an der Front in Aleppo dringend der Hilfe der Kämpfer bedurfte. Die Schlacht rund um die Belagerung und Einkesselung Aleppos tobte bereits seit Februar 2016, bis die Stadt im Dezember 2016 dem Regime in die Hände fiel. Und so wurde jedem vor Augen geführt, dass Aleppo dem Regime ausgehändigt und im Gegenzug dafür, die Stadt al-Bab den Türken überlassen wurde – mit einem klaren Deal zwischen den Russen und den Türken. Die Schlacht um al-Bab dauerte ca. drei Monate, bis am 23.02.2017 die türkeitreuen Truppen im Rahmen der Operation „Schutzschild Euphrat“ in al-Bab einmarschierten. Von da an drangen die Türken immer tiefer in syrisches Gebiet vor; angefangen vom Krieg gegen den IS hin zum Kampf gegen die Kurden, ohne dem Regime in die Quere zu kommen, das gleichfalls immer weiter in vitale Gebiete vorrückte. So konnte das Regime Ost-Ghuta Ende März 2018 unter seine Kontrolle bringen, kurz nachdem Streitkräfte der türkischen Militäroperation „Olivenzweig“ Afrin Mitte März 2018 eingenommen hatten. Das gleiche Szenario spielte sich ein weiteres Mal in der Schlacht ab, die die Türkei und ihre Verbündeten gegen die Kurden in Ras al-Ain und in Tal Abyad unter dem Namen „Quelle des Friedens“ starteten, bis es der Türkei gelang, die Grenzen vollständig unter ihre Kontrolle zu bringen. Gleichzeitig gingen weitere kurdisch kontrollierte Regionen kampflos an das Regime über. So gingen alle Aktionen der Türkei mit der weiteren Ausbreitung einher und mit der Rückeroberung von Gebieten durch das Regime und einer zunehmenden Kontrolle der Türkei über die verbliebenen Rebellengruppen der syrischen Revolution. Zu den letzten zählt die ehemalige Nusra-Front, Hai´at Tahrir al-Sham, im Zusammenhang mit den jüngsten Ereignissen in Idlib. Diesen Entwicklungen gingen die Vereinbarungen von Sotschi voraus. Des Weiteren wurde jede Stimme zum Schweigen gebracht, die sich dieser Vereinbarung widersetzte. So hat die Gruppe Hai´at Tahrir al-Sham über dreißig Shabab von Hizb-ut-Tahrir festgenommen, die immer wieder an die Menschen eindringlich appelliert, am Kompass der Revolution festzuhalten, d.h. den Sturz des Regimes, die Loslösung von Einflüssen aus dem Ausland und die Ablehnung perfider, internationaler Abkommen.

Die Türkei errichtete zwölf Kontrollposten in den Provinzen Idlib, Hama und Aleppo im Einvernehmen mit den russischen und iranischen Seiten. Ziel war die Umsetzung der sogenannten Deeskalation in den Pufferzonen zwischen den Regime-Truppen und den Rebellen. Diese Regionen befinden sich im Bereich der Deeskalationszonen. Doch diese Deeskalation geschieht nur einseitig. Denn das Regime und sein Verbündeter Russland verstärkten noch ihre brutalen Angriffe - vor den Augen der sogenannten Garantiemacht Türkei. Das syrische Regime begann, immer mehr der noch in Rebellenhand verbliebenen Gebiete zu erobern.

Diese Gebiete fielen mithilfe des russisch-türkischen Abkommens eins nach dem anderen in die Hände des syrischen Regimes. Das Abkommen sieht gemäß des Artikels zur „Terrorismusbekämpfung“ gemeinsame Militärpatrouillen vor, womit Moskau die vollständige Kontrolle über die Territorien anstrebt, die noch den Rebellenverbänden unterstanden. Die letzte Stadt war Sarakib, das zur Provinz Idlib gehört, der letzen Rebellenhochburg in Syrien. Und zur Terrorismusbekämpfung wird üblicherweise immer ein Sündenbock benötigt, so wie im Falle der syrischen Stadt al-Bab, als die Staaten der Erde sich auf den Krieg gegen den IS geeinigt hatten, nachdem die gleichen Staaten ihm- dem IS – zu Beginn der Revolution grünes Licht erteilt hatten, sich in den syrischen Städten breitzumachen, sodass Bashar al-Assad an der Macht bleiben und mit dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung mit seinen Verbündeten weiter morden konnte.

Das, was Erdogan in Syrien begangen hat, ist ein Beispiel des Verrats am Islam und ein Verbrechen an den Muslimen. Er hat den größten Anteil daran gehabt, dass die Revolution eine Niederlage erlitt. Er steht auf der Seite der Russen und spricht sämtliche Schritte mit ihnen ab. Wie können einige Menschen daher auf Erdogan als ihren Hoffnungsträger und Heilsbringer setzen und im gleichen Moment Russland und den Iran als die größten Feinde der Umma ansehen?!

Erdogan ist es, der die Stadt Aleppo dem Assad-Regime auf einem goldenen Tablett serviert hat, nachdem diese großartige Stadt ihm gegenüber standhaft blieb und jedem, der sich auf seine Seite stellte, d.h. Russland, Iran, Hizbollah und deren Schergen und Mördertrupps. Geschehen ist das, als Erdogan die Operation „Schutzschild Euphrat“ startete, gleichzeitig mit dem Vormarsch des Regimes und seiner Verbündeten in Richtung Aleppo. Mit anderen Worten: Es geschah zu der Zeit, als die Stadt Aleppo und deren Bewohner am dringendsten jemanden brauchten, der ihre Hilferufe erhörte. Es kam, was kommen musste. La haula wa la quwwata illa billah!

Es ist niemandem mehr verborgen geblieben, dass die USA und hinter ihnen Russland niemals vorhatten, ihren Vasallen, den Tyrannen von Damaskus, zu stürzen, sondern darauf hinarbeiteten, die Revolution zum Scheitern zu bringen und den Status Quo von vor 2011 wiederherzustellen. Die USA sind die eigentlichen Täter bei der Umsetzung des Slogans der Regime-Anhänger „Assad oder wir verbrennen das Land“. Und nun versuchen sie, zu Ende zu bringen, was sie begonnen hatten. Möglich, dass Nordsyrien die letzte Trutzburg und Festung dieser Revolution ist.

Die größten aller Gefahren sind die Abkommen zwischen Putin und und seinem Amtskollegen Erdogan, der die Instrumentalisierung der ihm loyal ergebenen Rebellengruppen meisterlich beherrscht, um Russland und dem kriminellen Regime zu ermöglichen, sich in einem Gebiet nach dem anderen breitzumachen und sie anschließend unter alleinige Kontrolle zu bringen. Und um das Theaterstück zu vervollständigen, wird die Politik der grausamen und verstärkten Luftangriffe auf Bevölkerung, Schulen, Märkte und Krankenhäuser verfolgt, wobei die Rebellengruppen bewusst demoralisiert werden, die bereit sein müssten, ihre Gebiete zu verteidigen. So soll maßloses unkontrollierbares Chaos geschaffen werden. Sodann soll nach einer Kapitulation gefordert werden, unter dem Vorwand, man wolle das Blutvergießen stoppen und bewahren, was noch verblieben ist und damit schließlich der Verrat von Genf, Astana und Sotschi als ein Rettungsanker der Revolution und der Menschen betrachtet wird.

Quelle: Al-Waie/Ausgabe 407/Dhul-Higga, 1441 n. H./August 2020 n. Chr.

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