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Im Namen Allahs des Allerbarmers des Barmherzigen

Nachricht und Kommentar

Das europäische Paradies und die Hölle der Abhängigkeit Afrikas

Nachricht:

Am zweiten Tag des Afrika-Gipfels mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron, der am 11. Mai 2026 in der kenianischen Hauptstadt Nairobi stattfand, verstärkten die Staats- und Regierungschefs des Kontinents ihre diplomatischen Bemühungen, um auf einen leichteren Zugang zu Krediten und niedrigere Finanzierungskosten zu drängen, die die Volkswirtschaften Afrikas erheblich belasten. Die afrikanische Reformkampagne erhielt am vergangenen Montag einen wichtigen Impuls, als Macron überraschend seine Unterstützung für die Einrichtung eines sogenannten „First-Loss-Garantiemechanismus“ ankündigte. Dieses Finanzinstrument soll dazu beitragen, die Risiken ausländischer Investitionen auf dem afrikanischen Kontinent zu verringern. Zugleich versprach Macron, sich beim kommenden G7-Gipfel für die Initiative einzusetzen.

Afrikanische Regierungen kritisieren seit Jahren, dass die internationalen Ratingagenturen die Risiken auf dem Kontinent überbewerten. Dies verteuere die Kreditaufnahme erheblich und bremse die wirtschaftliche Entwicklung. Zugleich bestehen die reichen Länder darauf, ihre Entwicklungshilfe zugunsten höherer Militärausgaben und innenpolitischer Prioritäten zurückzufahren – vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges und der weltweit anhaltenden Inflation.

Kommentar:

Hinter den Schlagworten von Reform und Partnerschaft zeichnet sich ein weitaus komplexeres, ja geradezu tragisches Bild ab: Während Afrikas junge Menschen auf der Flucht vor Armut und Arbeitslosigkeit im Mittelmeer ertrinken und auf der Suche nach dem versprochenen „europäischen Paradies“ sind, werden die Ressourcen ihrer Heimatländer – von Öl und Gas über seltene Erden bis hin zu grünem Wasserstoff – ausgebeutet, um letztlich die europäischen Volkswirtschaften selbst mit Energie und Rohstoffen zu versorgen.

Afrika, reich an Energie, Bodenschätzen und menschlichen Ressourcen, wird nach wie vor wie ein strategisches Rohstoffreservoir für die Volkswirtschaften des globalen Nordens behandelt, während seine Söhne und Töchter zu Flüchtlingen werden, die auf der Suche nach jener Würde sind, die ihnen das internationale Finanzsystem zu verwehren scheint. Im Zentrum dieses Widerspruchs stehen afrikanische Führungspersönlichkeiten, die eine Politik des Augenblicks betreiben und dabei die internationale Verwundbarkeit zu ihrem eigenen Machterhalt nutzen – ohne strategische Vision und ohne ein zukunftsweisendes gesellschaftliches Projekt. Auf diese Weise verstricken sie ihre Völker in eine neue Form des Finanzkolonialismus, die Elend und Abhängigkeit unter dem Deckmantel von Reformen und Krediten reproduziert.

  • Afrika verfügt über rund 30 % der weltweiten Mineralienvorkommen, etwa 10 % der globalen Ölreserven sowie über ein enormes Potenzial für grünen Wasserstoff und gewaltige Korridore für die Erzeugung von Solar- und Windenergie.
  • Dennoch zählen die afrikanischen Staaten zu den Ländern mit den höchsten Kreditrisiken – nicht aufgrund ihrer tatsächlichen wirtschaftlichen Armut, sondern aufgrund von Risikoeinschätzungen, die von westlichen Ratingagenturen geprägt werden, die eher die Interessen der Gläubiger als jene der Schuldner vertreten.
  • Die Folge: Afrika muss sich zu Zinssätzen verschulden, die ein Vielfaches über denen Europas liegen. Dadurch werden seine öffentlichen Haushalte durch den Schuldendienst ausgezehrt, anstatt die Mittel in Entwicklung zu investieren. Zugleich wird der Kontinent darauf festgelegt, Rohstofflieferant und Absatzmarkt für fertige Produkte zu bleiben.

First-Loss-Garantiemechanismus: Lösung oder neue Falle?

Was bedeutet Macrons Vorschlag konkret? Der als „First-Loss-Garantiemechanismus“ bezeichnete Ansatz sieht vor, dass eine internationale oder westliche staatliche Institution die ersten Verluste eines Investitionsprojekts in Afrika übernimmt, falls dieses teilweise scheitert. Das Ziel ist klar: Privates Kapital soll dazu ermutigt werden, ohne übermäßige Sorge vor Verlusten in den afrikanischen Markt zu investieren – insbesondere in Projekte der Infrastruktur, der erneuerbaren Energien, der Häfen und des Eisenbahnverkehrs.

Doch damit drängt sich eine entscheidende Frage auf: Warum werden diese Garantien nicht der afrikanischen heimischen Wirtschaft gewährt, anstatt ausländische Investoren abzusichern? Und warum setzt man nicht bei der Ursache dieser belastenden Zinsschulden an, anstatt die Risiken erneut zugunsten westlicher Akteure zu verteilen?

Die Antwort liegt auf der Hand: Der einstige europäische Kolonialherr ist aufgrund seiner eigenen inneren Krisen nicht mehr in der Lage, direkte Hilfen in dem Umfang zu leisten wie früher. Zugleich will er jedoch seinen Einfluss in Afrika nicht an die neuen Akteure verlieren, die aus Ost und West auf den Kontinent drängen. Daher greift er zu neuen Instrumenten: Garantien, finanziellen Anreizen und der Kreditwürdigkeit als politischem Hebel, um die Politik der afrikanischen Staaten zu beeinflussen – und setzt dabei auf seine Beziehungen zu den politischen Eliten der Region, die er einst selbst hervorgebracht und deren politische Systeme er maßgeblich geprägt hat.

Afrikanische Staatschefs: Flucht nach vorn oder Komplizenschaft bei der Aufrechterhaltung der Abhängigkeit?

Bemerkenswert am Gipfel von Nairobi ist, dass die afrikanischen Forderungen nicht über den Rahmen kurzfristiger Reformen hinausgingen: einen leichteren Zugang zu Krediten, niedrigere Zinsen und eine Anpassung der Methoden zur Bewertung der Kreditwürdigkeit. Niemand forderte eine grundlegende Neuordnung des globalen Finanzsystems oder eine tatsächliche Befreiung der afrikanischen Volkswirtschaften von den strukturellen Folgen dieses Systems.

Hier muss sich die Bevölkerung der Gefahren bewusst werden, die von der Politik ihrer herrschenden Eliten und deren Widersprüchlichkeit ausgehen: Regierungen, die eine Reform des internationalen Finanzsystems fordern, nehmen gleichzeitig weiterhin Kredite auf, schließen unausgewogene Verträge, gewähren ausländischen Unternehmen weitreichende Privilegien und machen ihre Volkswirtschaften von den internationalen Märkten abhängig.

Das Ziel? Liquidität und eine schnelle Finanzierung zu beschaffen – koste es, was es wolle. Denn der Machterhalt hängt zunehmend davon ab, Finanzmittel ins Land zu holen, statt eine eigenständige wirtschaftliche Entwicklung voranzutreiben.

Wenn der Kolonialismus durch das Finanzfenster zurückkehrt

Die tiefere Ironie besteht darin, dass die ehemaligen Kolonialmächte, die über Jahrzehnte hinweg dazu beigetragen haben, fragile Grenzen zu ziehen, abhängige Regime zu stützen und die lokale Industrialisierung zu schwächen, heute zurückkehren und sich als „rettende“ Partner für Stabilität und Entwicklung präsentieren. Nachdem die Völker sie zur Tür hinausgedrängt haben, sind sie nun durch das Fenster der Schulden zurückgekehrt – durch das Fenster der Kreditratings, der internationalen Schiedsgerichtsbarkeit sowie des finanziellen, kulturellen und medialen Einflusses.

Kontrolle benötigt heute keine Panzer mehr. Sie wird vielmehr durch multinationale Konzerne, Kredite zu hohen Zinsen, Verträge, die Staaten ihres Rechts auf Regulierung berauben, und Medienplattformen ausgeübt, die das Bild Afrikas als eines armen Kontinents verfestigen, der einen „westlichen Retter“ braucht.

Fazit: Afrika – Europas Speisekammer und die Quelle des Elends seiner eigenen Bevölkerung

Die Migration von Afrikanerinnen und Afrikanern nach Europa wird nicht enden, solange Europa weiterhin die Ressourcen Afrikas ausbeutet und afrikanische Führungskräfte weiterhin auf vorgefertigte Lösungen zurückgreifen, anstatt ein eigenständiges Projekt zur wirtschaftlichen und politischen Emanzipation aufzubauen.

So bleibt der große Widerspruch bestehen: Während Afrikas Ressourcen zur Finanzierung der Volkswirtschaften des globalen Nordens ausgebeutet werden, ertrinken junge Afrikaner im Mittelmeer auf der Suche nach einer Würde, die ihnen in ihren ressourcenreichen Heimatländern verwehrt bleibt. Während sich afrikanische Staats- und Regierungschefs mit „Reformen“ und „Partnerschaften“ schmücken, bleibt die entscheidende Frage offen: Wird in Nairobi der Grundstein für eine echte Perspektive auf Entwicklung gelegt – oder werden dort lediglich neue Formen eines finanziellen Kolonialismus geschaffen, der Kredite an die Stelle von Armeen und Kreditratings an die Stelle von Besatzung setzt?

Fest steht: Die Antwort wird weder von großen Gipfeltreffen noch von diplomatischen Erklärungen kommen und auch nicht aus einem bloßen Hin und Her zwischen ausbeuterischen kolonialen Projekten. Sie liegt vielmehr im Bewusstsein der Völker des afrikanischen Kontinents für ihre Schicksalsfrage – und in ihrer Zusammenarbeit mit den aufrichtigen Kräften der Söhne und Töchter der Umma, um das islamische Leben durch die Errichtung eines Kalifats wieder aufzunehmen. Die Errichtung dieses Staates ist die Pflicht aller Muslime. Dieser Staat verfügt über eine strategische Vision sowie ein Kultur-Projekt, das in der Lage ist, den Kolonialismus in all seinen ideologischen, politischen und rechtlichen Ausprägungen zu beseitigen. Auf dieser Grundlage wird ein wahres fortschrittliches und gerechtes Projekt entstehen, das den Reichtum in die Entwicklung, die Energie und die Industrialisierung investiert und eine eigenständige Souveränität verwirklicht – anstelle einer Souveränität, die auf das Erbitten europäischer Garantien angewiesen ist.

Geschrieben für das zentrale Medienbüro von Hizb-ut-Tahrir
Yasin bin Yahya
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