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بسم الله الرحمن الرحيم

Im Namen Allahs des Erbarmungsvollen des Barmherzigen

Aus der Serie der Antworten von Scheich ʿAṭāʾ ibn Ḫalīl Abū ar-Rašta, des amīrs von Hizb-ut-Tahrir, auf die Fragen der Besucher seiner Facebook-Seite / Rubrik fiqrī.

Antwort auf eine Frage

Verstand, Begreifen und Denken

Frage:

As-salāmu ʿalaikum, unser ehrenwerter Scheich: Zum Unterschied zwischen vorhandenen Meinungen und Vorinformationen im Denkprozess: Bekanntlich kann das Denken, das Begreifen bzw. der Verstand nur durch die vier Komponenten Realität, Sinneswahrnehmung, Vorinformationen und ein zur Verknüpfung fähiges Gehirn erfolgen. Was ist nun der Unterschied zwischen vorhandenen Meinungen und Vorinformationen hinsichtlich der Interpretation der Realität?

Antwort:

Wa ʿalaikum as-salām wa raḥmatullāhi wa barakātuh!

1. Wie in der Frage erwähnt, bedeutet Verstand, Begreifen oder Denken die Übertragung der wahrgenommenen Realität durch die Sinnesorgane ins Gehirn, wo diese Realität mit Hilfe von Vorinformationen erläutert wird. Mit anderen Worten kann der Denkvorgang nicht abgeschlossen werden, solange nicht alle vier Komponenten vorhanden sind: die Realität, die Wahrnehmung der Realität (die Sinnesorgane), ein Gehirn, das zur Verknüpfung fähig ist, und Vorinformationen über die Realität bzw. solche, die mit dieser verknüpft sind.

2. Damit ein Mensch auf dieser Erde überhaupt denken kann, hat Allah, der Erhabene, Adam (a.s.) mit Vorinformationen ausgestattet, die das Geschehen auf Erden erklären. Denn dieses Geschehen stellt ja den Gegenstand des Denkens dar. Im Buch „Die islamische Persönlichkeit Teil 3“ heißt es dazu:

[Was nun die folgende Aussage des Erhabenen anlangt:

(وَعَلَّمَ آدَمَ الْأَسْمَاءَ كُلَّهَا)

Und Er lehrte Adam alle Namen. (2:31), so sind damit die Bezeichnungen der Dinge gemeint und nicht die Sprachen. Das heißt, Er (t) lehrte Adam die Eigenschaften der Dinge und was diese in Wahrheit bedeuten. Mit anderen Worten gab Er (t) ihm die Informationen, die er zur Beurteilung der Dinge benötigt. Denn die Wahrnehmung der Realität allein reicht nicht aus, um über sie ein Urteil zu fällen und ihre Wahrheit zu erkennen. Vielmehr sind dazu Vorinformationen erforderlich, mit deren Hilfe die Realität erklärt werden kann. So lehrte Allah, der Erhabene, Adam die Namen aller Dinge, d. h. ihre wahre Bezeichnung. Er (t) gab ihm Informationen, mit deren Hilfe er die Dinge, die er wahrnimmt, beurteilen kann...] Ende des Zitats

3. Auf diese Weise entstanden Gedanken und folgten aufeinander. Es begann mit dem ersten Denkprozess, der sich ereignete, als Allah (t) Adam mit den Vorinformationen ausstattete und dieser sie benutzte, um die Realität, den Gegenstand des Denkens, zu erklären. Dieser Prozess ging mit den beiden weiteren Denkkomponenten einher, dem Gehirn und der Sinneswahrnehmung. In dieser Form setzte sich das menschliche Leben fort, prallgefüllt mit ausgedehnten Denkbereichen. Daher führt die korrekte Erkenntnis über den Umstand, wie der erste menschliche Denkprozess ablief, unweigerlich zum Glauben an Allah, den Erhabenen. Aus diesem Grund definieren ungläubige Bewegungen, die die Existenz des Schöpfers leugnen, den Verstand bzw. das Denken, indem sie die Vorinformationen ausblenden. Nun kann das Nachdenken über reale Dinge nicht ohne Vorinformationen erfolgen, die diese Dinge erklären, und das ist zwingend bekannt. Nichtsdestotrotz leugnen ungläubige Bewegungen, wie die Kommunisten, die notwendige Existenz von Vorinformationen, weil dies sie zum Glauben an den Schöpfer führen würde, der Adam (a.s.) mit den Vorinformationen ausgestattet hat, um den ersten Gedanken im Leben zu kreieren. Fortan lief der Denkprozess dann unentwegt weiter. Denn die sinnliche Wahrnehmung der Realität kann mitsamt dem Gehirn kein Denken hervorbringen, ohne dass Vorinformationen vorhanden wären, mit denen die zu untersuchende Realität erklärt wird. So führt eine Wahrnehmung, plus eine weitere Wahrnehmung, plus Millionen von Wahrnehmungen - egal wie vielfältig die Wahrnehmungsarten sein mögen - lediglich zu einer Wahrnehmung und kann niemals ein Denken hervorbringen. Vielmehr sind beim Menschen Vorinformationen notwendig, mit deren Hilfe die wahrgenommene Realität erklärt wird, damit Denken stattfindet. Somit führt das Aufeinanderfolgen der Gedanken, insbesondere die Untersuchung des ersten Gedankens, zum Glauben an Allah (t), der Adam mit den Vorinformationen ausgestattet hat...

4. Dies betraf die Vorinformationen. Was hingegen die vorhandenen Meinungen anlangt, so sind es Urteile über die Realität, die der Mensch bereits gefällt hat - entweder indem er selbst einen Denkvorgang durchführte und ein Urteil über die Realität fällte oder durch das Rezipieren dieser Urteile von anderen, sei es durch Anlernen, Lektüre oder auf anderem Weg. Vorhandene Meinungen sind also Ideen über die Realität.

5. Zusammenfassend kann also gesagt werden, dass der Unterschied zwischen Vorinformationen und vorhandenen Meinungen in zwei Hauptpunkten liegt:

Erstens: Vorhandene Meinungen sind vorgefasste Ideen, die der Mensch über die zu untersuchende Realität gebildet hat. Es sind Urteile über die Realität, entweder ganzheitlich oder partiell. Vorinformationen sind hingegen das, womit die Realität erklärt werden kann, ohne dass ein Urteil darüber gefällt wird. Sie dienen lediglich der Erklärung und stellen einen Faktor des Denkens dar, ohne den das Denken nicht erfolgen kann.

Zweitens: Eine vorhandene Meinung ist ein vorgefasstes Urteil über die Realität, die man gedanklich untersuchen möchte, um aus Sicht des Denkenden das richtige Urteil zu finden. Deswegen darf sie beim Denkvorgang nicht verwendet werden. Was verwendet wird, sind allein die Informationen, wobei jegliche Vormeinungen vermieden werden müssen. Sie dürfen beim Denkvorgang in keiner Weise einfließen. Wird nämlich die vorgefasste Meinung verwendet, kann es zu einem Wahrnehmungsfehler kommen, weil sie die Informationen beeinflussen und falsch interpretieren können, wodurch ein Fehler in der Wahrnehmung entsteht. Deshalb muss man stets den Unterschied zwischen vorhandener Meinung und Information beachten und nur die Information heranziehen, wobei die Vormeinung von der Realität, die man untersuchen möchte, ausgeschlossen wird. Im Buch „Das Denken“ wird auf Seite 39 (deutsche Ausgabe) ausgeführt: Bei ihrer Definition muss man jedoch zwischen den vorhandenen Meinungen über eine Sache und den Vorinformationen darüber unterscheiden bzw. den Vorinformationen über jene Dinge, die mit der Sache in Zusammenhang stehen. Unabdingbar bei der rationalen Denkmethode ist nämlich nicht das Vorhandensein von Meinungen über die Realität, sondern von Vorinformationen darüber bzw. von Informationen, die mit der Realität verbunden sind. Es müssen also Informationen und keine Meinungen vorhanden sein...

6. Im Folgenden zwei Beispiele zur Veranschaulichung der obigen Ausführungen:

a) Nehmen wir den heutigen Menschen als Beispiel, irgendeinen Menschen, und drücken ihm ein assyrisches Buch in die Hand, wobei er keinerlei Informationen über die assyrische Sprache besitzt. Nun lassen wir seine Sinnesorgane über die Schrift schweifen, die er sehen und berühren kann, und wiederholen diese Sinneswahrnehmung eine Million Mal bei ihm. Er wird nicht in der Lage sein, auch nur ein einziges Wort davon zu verstehen, bis man ihm entsprechende Informationen über die assyrische Sprache gibt und was damit in Verbindung steht. Erst dann beginnt er, über den Text nachzudenken und ihn zu verstehen. Hier kann man nicht einwenden, dass dies spezifisch für Sprachen gelte, die ja vom Menschen erdacht wurden und daher Vorinformationen benötigen. Dies kann deshalb nicht behauptet werden, weil es hier um den Denkvorgang an sich geht. Und ein Denkvorgang bedeutet verstandesmäßiges Begreifen, sei es um ein Urteil zu fällen, eine Bedeutung zu verstehen oder die Wahrheit zu begreifen. Denn der Denkvorgang ist ein und derselbe in allen Dingen...

b) Du möchtest eine politische Frage untersuchen, um darüber zur richtigen Meinung zu gelangen. Sei es zum Beispiel die Frage des türkischen Eingreifens in die Ereignisse in Libyen, der Entsendung von Söldnern und der Unterstützung Sarrajs sowie der Regierung der nationalen Einheit mit Waffen und Informationen... Dazu mag nun die vorgefasste Meinung existieren, dass Erdogans Unterstützung für die Truppen der Regierung der nationalen Einheit aufgrund seiner Liebe zu den Muslimen und seiner Bedachtnahme auf die Menschen in Libyen erfolgt und weil er die bewaffneten islamischen Bewegungen unterstützt und ihnen Beistand leisten möchte etc... Diese Meinung stellt bereits ein Urteil über die Frage dar, die du untersuchen willst, und ist nicht bloß eine Vorinformation darüber. Die Richtigkeit der Untersuchung erfordert von dir, dich von dieser Vormeinung zu lösen und die Frage anhand der vorhandenen politischen Belege objektiv zu untersuchen, um so zur richtigen Meinung darüber zu gelangen.

Ich hoffe, dass diese Erläuterung ausreichend ist, und Allah ist wissender und weiser.

Euer Bruder ʿAṭāʾ ibn Ḫalīl Abū ar-Rašta

4. Ramaḍān 1442 n. H.
16.04.2021 n. Chr.
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